WortWeise: Wer hat dich zum Richter gemacht?

Es gibt Sätze, die vergisst man nie.

Nicht, weil sie besonders klug gewesen wären. Sondern weil sie sich festsetzen. Oft schon in der Kindheit.

 

„Du bist zu groß.“
„Du bist zu klein.“
„Du bist zu dick.“
„Du bist zu dünn.“
„Du bist zu laut.“
„Du bist zu still.“

 

Manchmal werden sie mit einem Lachen ausgesprochen. Als wäre alles nur ein harmloser Scherz. Doch Worte haben ein erstaunlich langes Gedächtnis. Sie können Menschen kleinmachen, obwohl diese körperlich groß sind. Sie können Zweifel säen, wo eigentlich Selbstvertrauen wachsen sollte.

Warum tun wir das eigentlich?

Vielleicht, weil Urteilen leichter ist als Verstehen. Weil Schubladen weniger Mühe machen als echte Begegnungen. Oder weil manche Menschen sich selbst größer fühlen, wenn sie andere kleiner reden.

Jesus war da bemerkenswert zurückhaltend. Er sah Menschen nicht zuerst mit den Augen der Gesellschaft, sondern mit den Augen Gottes. Er sah nicht den Zöllner, sondern den Menschen. Nicht die Ehebrecherin, sondern die verletzte Frau. Nicht den Aussätzigen, sondern den, der sich nach Berührung sehnte.

Und immer wieder stellte er die Maßstäbe auf den Kopf.

Vielleicht beginnt Nächstenliebe genau dort: in dem Moment, in dem wir aufhören, andere ständig zu bewerten.

Natürlich werden wir Menschen immer Unterschiede wahrnehmen. Das ist normal. Der eine ist sportlich, die andere musikalisch. Der eine redet viel, die andere hört lieber zu. Manche wachsen in die Höhe, andere bleiben klein. Manche tragen sichtbare Narben, andere unsichtbare.

Aber aus einem Unterschied muss kein Urteil werden.

Ich glaube, Gott hat uns nicht als Kopien geschaffen. Er liebt Vielfalt. Kein Blatt gleicht dem anderen. Kein Fingerabdruck wiederholt sich. Kein Lebensweg ist identisch. Vielleicht ist gerade das seine Handschrift.

Wenn wir anfangen, uns ständig mit anderen zu vergleichen oder andere an unseren eigenen Maßstäben zu messen, verlieren wir den Blick für dieses Wunder.

Dann sehen wir nur noch das Äußere.

Gott aber sieht das Herz.

 

Vielleicht ist das die entscheidende Frage unseres Lebens: Sehe ich Menschen so, wie sie auf mich wirken – oder versuche ich, sie so zu sehen, wie Gott sie sieht?

Mein neuer Song „Who Made You the Judge?“ stellt genau diese Frage. Nicht anklagend, sondern nachdenklich. Denn niemand von uns wurde zum Richter über den Wert eines anderen Menschen berufen.

Wir dürfen einander ermutigen.
Wir dürfen ehrlich sein.
Wir dürfen auch unterschiedlicher Meinung sein.

Aber wir sollten nie vergessen, dass hinter jedem Gesicht eine Geschichte steht, die wir nicht kennen.

Vielleicht begegnen wir uns deshalb am besten mit etwas mehr Freundlichkeit.

Und mit etwas weniger Urteil.

Denn die Welt braucht nicht noch mehr Richter.

Sie braucht Menschen, die aufrichten.

 

Gebet

Guter Gott,

du kennst uns besser, als wir uns selbst kennen.
Du siehst hinter unsere Fassade, hinter unsere Unsicherheiten und hinter die Masken, die wir manchmal tragen.

Bewahre uns davor, vorschnell über andere zu urteilen.
Schenke uns offene Augen für ihre Würde, offene Ohren für ihre Geschichte und offene Herzen für ihre Sorgen.

Hilf denen, die unter den Worten anderer leiden, neuen Mut zu finden.
Lass sie erkennen, dass ihr Wert nicht von Urteilen abhängt, sondern von deiner Liebe.

Und wenn wir selbst mit unseren Worten andere verletzt haben, schenke uns die Größe, um Vergebung zu bitten und neu anzufangen.

Amen.

 

Segen

Der Gott, der dich geschaffen hat, segne deinen Weg.

Er bewahre dich davor, dich von den Urteilen anderer bestimmen zu lassen.

Er schenke dir den Mut, deinen eigenen Weg zu gehen, die Weisheit, anderen mit Güte zu begegnen, und die Freiheit, dich selbst mit seinen liebenden Augen zu sehen.

So begleite dich der Segen Gottes –
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

 

 


Autor: Gert Holle - 28.07.2026