Valadiers Pietà für die Sammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg gesichert

Die spektakulärste Neuerwerbung der letzten Jahre

Luigi Valadier: Pietà, Silberrelief mit der Beweinung Christ, vollendet 1786
105 cm hoch x 75 cm breit x 16 cm tief
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Miteigentum der Ernst von Siemens Kunststiftung, gefördert durch die Kulturstiftung der Länder, der Rudolf-August Oetker-Stiftung sowie weitere private Stiftungen

23.02.2026

 

(Nürnberg/gnm) - Sie ist die spektakulärste Neuerwerbung des Germanischen Nationalmuseums der letzten Jahre: Valadiers Pietà, die Ende des 18. Jahrhunderts entstand. Das inklusive Rahmen mehr als einen Meter hohe Relief besteht komplett aus Silber und zeigt eine Beweinung Christi. Geschaffen wurde es in der Werkstatt des römischen Goldschmieds Luigi Valadier (1726–1785). Vermutlich handelt es sich um die letzte Arbeit dieses zu seiner Zeit führenden Goldschmieds Europas.

„Valadiers Pietà ist ein höfisches Prunkstück und Meisterwerk der Goldschmiedekunst. Und sie ist noch viel mehr: superb erhalten und ein bedeutendes Zeugnis europäischer Kulturgeschichte und zugleich ein zutiefst persönliches und berührendes Werk“,  hebt Dr. Heike Zech, Expertin für Goldschmiedekunst sowie stellvertretende Generaldirektorin des Germanischen Nationalmuseums, die Bedeutung der Neuwerbung hervor. „Wenn ich bedenke, wie viele Menschen dazu beigetragen haben, diese Arbeit für das Germanische Nationalmuseum und die Öffentlichkeit zu sichern, blicke ich optimistisch in die Zukunft – und bin überzeugt, dass das Silberrelief noch viel mehr Menschen begeistern und zum Nach- und Weiterdenken anregen wird.“

Das Silberrelief zeigt eine Beweinung Christi – mit einer wesentlichen inhaltlichen Ergänzung: Oberhalb der klassischen Hauptgruppe mit dem von Maria, Maria Magdalena und Johannes betrauerten Leichnam Christi erstrahlt am Himmel eine Kreuzesvision in Engelglorie. Das Kreuz ist nicht Mordwerkzeug, sondern Symbol der Hoffnung. Die Erlösung nach dem Tod ist bereits im Bild präsent. Die Darstellung vereint damit den Tiefpunkt der Passionsgeschichte mit der triumphalen Überwindung von Sünde und Tod.

Papst Pius VI. hatte das einzigartige Kunstwerk im Jahr 1786 Pfalzgräfin Maria Anna von Pfalz-Zweibrücken (ab 1799 Herzogin in Bayern und Urgroßmutter der berühmten Sisi) „aus geistlicher Verwandtschaft“ zum Geschenk gemacht. Anlass war die Geburt ihres Sohnes Pius, dessen Patenschaft der Pontifex übernahm. Das Relief, das vermutlich als Hausaltar diente, ist ein bemerkenswertes Geschenk an eine Fürstin aus dem Hause Wittelsbach – und zeugt von den engen politischen Beziehungen zwischen Rom und Bayern. Denn das Präsent verfügte zugleich über einen diplomatischen Charakter. Der Papst hoffte auf Unterstützung des katholischen Fürstenhauses gegen verschiedene Bestrebungen, seinen pontifikalen Einfluss auf politische Belange einzuschränken.

Pius beschenkte zwar auch andere katholische Fürstinnen, z.B. mit Kopien berühmter römischer Gemälde, aber das Silberrelief ist ein einzigartiges Statement. Der außerordentliche Aufwand erklärt sich daraus, dass Papst Pius VI. das Werk wohl als Aufmerksamkeit an die Mutter eines möglichen zukünftigen Kurfürsten verstand. (Da 1786 auch der erste Sohn von Max I. Joseph, Ludwig, geboren wurde, übernahm allerdings jener die Herrschaft.)

Bedeutung für das Germanische Nationalmuseum

Arbeiten des 18. Jahrhunderts wurden erst spät Gegenstand der aktiven Sammlungspolitik des Germanischen Nationalmuseums. Werke italienischer Herkunft stehen dabei für die (seit der Renaissance andauernde) Bedeutung Italiens als stilbildender Impulsgeber für nordeuropäische Kunst und Kultur. Die Neuerwerbung füllt damit eine empfindliche Lücke im Bestand.

Daneben ermöglicht das Werk – als Geschenk an eine Frau – eine in Museen oft unterrepräsentierte weibliche Lebenserfahrung und -welt aufzuzeigen. Zugleich steht das Relief für das Verhältnis von Kirche und weltlicher Macht im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Valadiers Arbeiten waren international begehrt, sind in deutschen Museen aber kaum vertreten. Unmittelbar nach seiner Fertigstellung gelangte das Meisterwerk nach Bayern und war ab 1817 in Schloss Banz beheimatet. Fast ein Jahrhundert blieb es unangetastet in seinem originalen Futteral. „Mit dem Erwerb für das Germanische Nationalmuseum wird es nun erstmals für die Öffentlichkeit und Forschung zugänglich“, betont Dr. Heike Zech.

Für Öffentlichkeit und Forschung zugänglich

Die Pietà Valadiers ist vom 3. März bis 3. Mai 2026 in einer kostenlos zu besichtigenden Interimspräsentation im Germanischen Nationalmuseum ausgestellt. 2027 wird sie in die Dauerausstellung in den Bereich “Kirchliche Kunst im Barock” integriert und im Kontext sakraler Kunstwerke unterschiedlicher Gattungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu sehen sein. In der Zusammenschau veranschaulichen die Werke, wie unentbehrlich das Vorbild der glanzvollen Barockkunst Roms für die Stilentwicklung im süddeutschen Raum im 18. Jahrhundert war.

Ein Forschungsvorhaben wird den Herstellungstechniken dieses prächtigen und überaus detailreich ausgearbeiteten Reliefs nachgehen. Der Vergleich mit weiteren Silberskulpturen u.a. aus dem Bestand des Germanischen Nationalmuseums verspricht neue Erkenntnisse darüber, wie solch komplexe und monumentale Silberarbeiten einst geschaffen wurden. Von weiteren Recherchen in landeskundlichen Quellen und Archivalien erhofft sich das Museum vertiefende Informationen zu den Umständen und Hintergründen der päpstlichen Schenkung sowie der historischen Rolle Maria Annas.

Dank

Dank großzügiger Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Rudolf-August Oetker-Stiftung sowie privater Stiftungen und dank der engagierten Vermittlung der Philipp Württemberg Art Advisory GmbH konnte das Germanische Nationalmuseum das international bedeutende Silberrelief mit der Beweinung Christi von Luigi Valadier jetzt erwerben.

„Das Germanische Nationalmuseum ist der richtige Ort, für ein hochkarätiges Werk der römischen Goldschmiedekunst des 18. Jahrhunderts. Papst Pius VI. hat mit dem kostbaren diplomatischen Geschenk des Hausaltares seine Verbindungen zum katholischen Haus Wittelsbach manifestiert. Aufgrund der großen Bedeutung haben wir uns als Hauptförderer gern mit einer Million Euro an diesem Jahrhundertankauf beteiligt“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Die Ernst von Siemens Kunststiftung unterstützt den Ankauf mit 1 Million Euro, die Kulturstiftung der Länder mit 700.000,- Euro.