
5.06.2026
(Hamburg/oc) - Während Bundestag, EU-Kommission und Wissenschaft über Social-Media-Verbote für Minderjährige streiten, gehen Hamburger Eltern aktiv voran: Stefan Böff sowie Vitesse und Florian Schleinig haben mit der OnlineCrew den ersten Medienführerschein für Kinder ab der 5. Klasse entwickelt. Ihr Ansatz: Nicht verbieten, sondern befähigen. Nicht den Zaun höher bauen, sondern Kindern beibringen, wie sie sich sicher und fair im Netz bewegen.
Die Frage ist nicht, OB Kinder ins Netz gehen – sondern wie gut sie vorbereitet sind, wenn sie es tun“, sagt Vitesse Schleinig, aus dem Team der OnlineCrew und seit rund zwanzig Jahren beruflich mit sozialen Netzwerken befasst. „Wir haben als Eltern erlebt, wie hilflos man sich fühlt, wenn das Kind seine Zeit im Internet verbringen möchte und es keinen Kurs gibt, der wirklich vorbereitet. Also haben wir eines gebaut.“
Der ‚Schwimmkurs fürs Internet‘
Der www.medienfuehrerschein.de der OnlineCrew ist ein Online-Kurs, der Kinder in 18 kurzen Lerneinheiten (Level) von maximal zehn Minuten durch alle Themen für eine umfangreiche Medienkompetenz führt. Dabei geht es bewusst nicht um Technik-Klick-Demos, sondern um Verhalten, Schutz und Entscheidungen – Kompetenzen, die unabhängig von der nächsten App oder Plattform Bestand haben.
Weiterhin gibt der Medienführerschein Aufklärung über das System dahinter – und warum das Wissen darüber wichtig ist. Zum Beispiel: Wer entscheidet eigentlich, was ich auf Social Media sehe? Woher weiß der Feed so genau, was mir gefällt? Warum sammeln Webseiten meine Daten – was interessiert die, was ich tue? Hinter jeder App, jedem Feed und jedem Like stecken Geschäftsmodelle, Algorithmen und Entscheidungen – von Menschen gemacht, mit einem Ziel: unsere Aufmerksamkeit so lange wie möglich zu halten. Das müssen Kinder von Anfang an lernen.
Die Kinder durchlaufen die Level, sammeln Abzeichen für einen sichtbaren Lernfortschritt und schließen einen sozialen Vertrag miteinander – für faires, respektvolles Verhalten online. „Kinder hören nicht auf Verbote – aber sie hören aufeinander“, erklärt Florian Schleinig, einer der Mitgründer der OnlineCrew und Vater eines Zehnjährigen.
Der Online-Kurs ist neutral und unabhängig: keine Produktplatzierungen, keine politische oder kommerzielle Agenda, kein Grund für ein längeres Verweilen als notwendig. Die gemeinsamen Werte der Crew: Respekt, Vorsicht und Kritikfähigkeit.
Warum jetzt? Die Debatte spitzt sich zu
Die Dringlichkeit war selten so offensichtlich wie in diesen Wochen: Australien hat Ende 2025 als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Die EU hat im Mai 2026 ein klares Signal gegeben: Ein EU-weites Gesetz könnte noch in diesem Sommer Realität werden. Dänemark und Malaysia arbeiten an vergleichbaren Regelungen.
In Deutschland hat Bildungsministerin Karin Prien (CDU) eine Expertenkommission „Jugendschutz in der digitalen Welt“ eingesetzt, deren konkrete Handlungsempfehlungen Ende Juni 2026 vorgelegt werden – der Abschlussbericht folgt im September. Die SPD-Fraktion fordert ein Verbot für unter 14-Jährige, Bundeskanzler Friedrich Merz zeigt Sympathie für eine Altersgrenze von 16 Jahren.
Gleichzeitig wächst die Kritik an reinen Verbotsansätzen: Am Internationalen Kindertag am 1. Juni 2026 hatte die Kindernothilfe einen „Social-Media-TÜV“ gefordert – statt pauschaler Verbote. Das Deutsche Kinderhilfswerk, der Lehrerverband, die Gesellschaft für Medienwissenschaft und der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit warnen einhellig: Verbote allein reichen nicht. Die Leopoldina empfiehlt Altersbeschränkungen ab 13, betont aber die Notwendigkeit begleitender Bildungsmaßnahmen.
„Die Debatte dreht sich im Kreis zwischen Verbieten und Erlauben“, sagt Stefan Böff, Mitgründer der OnlineCrew. „Was fehlt, ist ein konkretes Programm, das Kinder tatsächlich vorbereitet. Und darum diskutieren wir nicht mit, sondern bringen etwas auf den Weg. Machen statt reden.“
Für Familien und Schulen
Der Medienführerschein richtet sich an Familien und Schulen gleichermaßen. Eltern erhalten zu jedem Level ein Level-Update mit Gesprächsimpulsen und weiterführenden Informationen. Lehrkräfte können den Online-Kurs im Unterricht einsetzen – mit fertigen Begleitmaterialien, Checklisten und konkreten Gesprächsanlässen. Der Kurs ist über eine zentrale Online-Plattform zugänglich.
Der Medienführerschein umfasst 3 Stufen mit je 6 Leveln. Jede Lerneinheit beginnt mit einem kurzen Video zu einer alltagsnahen Situation, vermittelt anschließend fundiertes Wissen und schließt mit einem kurzen Verständnischeck ab. Für jede abgeschlossene Einheit erhalten die Kinder ein Badge. Nach erfolgreichem Abschluss aller Einheiten wird der Medienführerschein verliehen.
Unterstützt von Expert:innen
Der Medienführerschein wird von bekannten Organisationen und Fachleuten aus Prävention, Medienkompetenz und Kinderschutz mit Expertise unterstützt:
Gemeinnützig und unabhängig
Die OnlineCrew ist als gemeinnützige gUG (haftungsbeschränkt) organisiert. Die Hälfte der Erträge fließt in die Weiterentwicklung des Medienführerscheins. Die andere Hälfte wird an wohltätige Organisationen gespendet, die sich für das Wohl von Kindern einsetzen.
Der Kurs ist für Familien ab 14,00 € einmalig verfügbar. Für Schulen gibt es Klassen- und Schullizenzen auf Anfrage.
Zum Team der OnlineCrew
Vitesse Schleinig befasst sich seit rund zwanzig Jahren beruflich mit sozialen Netzwerken. Damals diente Facebook nur dem Austausch von Freundinnen und Freunden, heute ist Hate Speech Gang und Gäbe. Doch sie ist überzeugt, dass wir unseren Kindern das Smartphone nicht auf ewig verbieten können – und dass es umso wichtiger ist, von Anfang an zu sensibilisieren. Trauen wir ihnen etwas zu! Und schaffen wir Vertrauen, indem wir sie begleiten und enablen. Sie ist Mama eines Sohnes, und lebt mit ihrem Mann Florian und zwei Katzen in Hamburg.
Florian Schleinig bewegt sich seit über 15 Jahren in der Kommunikationsbranche. Als Teil von Agenturen und Kommunikationsabteilungen gestaltete er den Rahmen und Raum von Unternehmen und ihrer Botschaften über alle Kanäle hinweg. Aktuell arbeitet er in einer Unternehmensberatung für die Digitalisierung des öffentlichen Sektors und engagiert sich noch ehrenamtlich bei REDEZEIT FÜR DICH - einer sozialen Organisation mit über 350 ausgebildeten ehrenamtlichen Zuhörenden, die er vor über sechs Jahren gegründet hat. Zudem ist er Co-Host des zweiwöchentlichen Elternpodcast Echte Papas. Das seelische Wohlbefinden von Menschen liegt ihm am Herzen. Und mit dem Medienführerschein möchte er positiv auf das von Kindern einwirken.
Stefan Böffs wichtigste Rolle beginnt zu Hause: Er ist Vater eines sechsjährigen Sohnes. Beruflich gestaltet er als Geschäftsführer von Education-Start-ups und KMU die Verbindung von Bildung, Technologie und Gesellschaft. Digitale Medien versteht er nicht nur als Konsumangebot, sondern als Werkzeug: zum Gestalten, Ausprobieren und Erschaffen. Ihm ist wichtig, Kinder zu enablen – weg vom passiven Scrollen, hin zu einem bewussten, kreativen und selbstwirksamen Umgang mit digitalen Möglichkeiten. Aus eigener Erfahrung weiß er: Verbote greifen zu kurz. Entscheidend sind Begleitung, Inspiration und Vertrauen in die Fähigkeiten der nächsten Generation. Sein Antrieb ist es, Räume zu schaffen, in denen Lernen, Technologie und Verantwortung zusammenkommen – praxisnah, verständlich und auf Augenhöhe.
Über die OnlineCrew
Die OnlineCrew DBP — Digitale Bildung & Prävention gUG ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Hamburg. Sie wurde von Stefan Böff und Florian Schleinig gegründet – aus der Überzeugung, dass Kinder einen „Schwimmkurs fürs Internet“ brauchen, bevor sie ins tiefe Wasser springen. Der Medienführerschein vermittelt Kindern und Jugendlichen in kompakten Lerneinheiten, wie sie sich respektvoll im Netz verhalten, ihre persönlichen Daten schützen und Falschinformationen erkennen. Eltern und Lehrkräfte werden aktiv eingebunden.
