Aber muss ich es? – Eine WortWeise von und mit Gert Holle zu dem gleichnamigen Song
Es gibt Fragen, die uns ein Leben lang begleiten.
Manchmal stellen wir sie laut. Manchmal nur ganz leise – in einem Urlaub, der viel zu schnell vorbei ist. Beim Blick in alte Fotoalben. Nach einem runden Geburtstag. Oder wenn wir feststellen, dass mehr Jahre hinter uns liegen als vor uns.
Dann taucht sie plötzlich auf, diese unbequeme Frage:
Bin ich eigentlich dort angekommen, wo ich einmal sein wollte?
Als junge Menschen malen wir Bilder von unserer Zukunft. Wir träumen von einem erfüllten Beruf, von einer Familie, von Sicherheit, von Anerkennung oder davon, etwas Besonderes zu hinterlassen. Diese Träume sind wichtig. Sie geben unserem Leben Richtung. Sie lassen uns aufbrechen und Neues wagen.
Doch das Leben hält sich nur selten an unsere Pläne.
Manches gelingt. Manches zerbricht. Manche Türen öffnen sich, andere bleiben verschlossen. Aus geraden Wegen werden Umwege. Aus Niederlagen entstehen neue Chancen. Und oft erkennen wir erst viele Jahre später, dass gerade die unerwarteten Wendungen uns zu den Menschen gemacht haben, die wir heute sind.
Vielleicht besteht die eigentliche Reife des Lebens nicht darin, alle Ziele erreicht zu haben.
Vielleicht besteht sie darin, Frieden mit dem eigenen Weg zu schließen.
Der Philosoph Søren Kierkegaard schrieb einmal sinngemäß, dass das Leben nur rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt werden kann. Wie wahr das ist. Erst im Rückblick erkennen wir Zusammenhänge, die wir unterwegs nicht sehen konnten.
Auch die Bibel erzählt nicht von Menschen, deren Leben geradlinig verlief. Abraham wusste nicht, wohin ihn sein Weg führen würde. Mose verbrachte Jahrzehnte in der Wüste. David erlebte Höhen und tiefe Abstürze. Paulus musste seine eigenen Vorstellungen mehrfach loslassen.
Vielleicht zeichnet Gott keine geraden Linien in unser Leben. Aber wenn wir zurückschauen, erkennen wir, dass selbst unsere Umwege Teil seines Bildes geworden sind.“
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Hoffnung unseres Glaubens. Dass Gott nicht nur in unseren Erfolgen gegenwärtig ist, sondern ebenso in unseren Zweifeln, Umwegen und scheinbar verpassten Chancen.
Ich denke dabei an ein Wort aus den Sprüchen Salomos:
"Vertraue auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; erkenne ihn auf allen deinen Wegen, so wird er deine Pfade ebnen." (Sprüche 3,5–6)
Das bedeutet nicht, dass unser Weg immer einfach wird. Aber vielleicht, dass wir ihn nicht allein gehen.
Je älter ich werde, desto mehr verändert sich meine Sicht auf Erfolg.
Erfolg ist für mich heute weniger eine Frage von Karriere oder Anerkennung. Erfolg ist, wenn ich lieben konnte. Wenn ich Menschen Mut gemacht habe. Wenn ich kreativ bleiben durfte. Wenn ich nicht aufgehört habe zu hoffen. Wenn ich nach einem Rückschlag wieder aufgestanden bin. Und wenn ich am Ende eines Tages sagen kann: Ich bin meinen Weg in Ehrlichkeit gegangen.
Vielleicht muss nicht jeder Traum Wirklichkeit werden.
Vielleicht genügt es, dass wir unterwegs zu uns selbst finden.
Und vielleicht ist Ankommen gar kein Ort, sondern ein innerer Frieden.
Dann verliert die Frage langsam ihre Schwere.
Muss ich wirklich alles erreicht haben?
Vielleicht nicht.
Vielleicht genügt es, zu erkennen, dass Gott uns längst gefunden hat, während wir noch glaubten, auf der Suche zu sein.
Gebet
Guter Gott,
Du kennst unsere Träume, unsere Sehnsucht und auch unsere Enttäuschungen.
Du weißt, welche Wege wir voller Hoffnung begonnen haben und welche Ziele wir niemals erreicht haben.
Hilf uns, nicht nur auf das zu schauen, was fehlt, sondern dankbar wahrzunehmen, was gewachsen ist.
Schenke uns den Mut, Vergangenes loszulassen, die Gegenwart bewusst zu leben und der Zukunft mit Vertrauen entgegenzugehen.
Lass uns erkennen, dass Du jeden Schritt unseres Lebens begleitet hast – auch dort, wo wir Dich nicht gesehen haben.
Und wenn uns die Frage bewegt, ob wir genug erreicht haben, dann erinnere uns daran, dass wir nicht durch unsere Erfolge wertvoll sind, sondern durch Deine Liebe.
Amen.
Segen
Der Gott des Lebens begleite Dich auf allen Wegen.
Er schenke Dir Frieden mit Deiner Vergangenheit, Freude an Deiner Gegenwart und Vertrauen für alles, was noch vor Dir liegt.
Und wenn Du glaubst, noch immer unterwegs zu sein, dann lasse er Dich erkennen, dass Du in seiner Nähe längst angekommen bist.
So segne Dich der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.
Autor: Gert Holle - 22.07.2026
