
12.06.2026
Hintergrundinterview WM 2026
Anlass: FIFA Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2026
Interviewpartner: Prof. Dr. Niels van Quaquebeke (KLU)
(Hambürg/klu) - Ein Zweikampf, ein Pfiff – und sofort gehen die Meinungen auseinander. Warum wirken manche Foulszenen selbst in Zeitlupe „nicht eindeutig“?
Prof. Dr. Niels van Quaquebeke: Weil unser Gehirn in solchen Momenten eine Aufgabe lösen muss, für die es nicht genug Information hat: Die Szene ist kurz, die Perspektive begrenzt. Wenn etwas mehrdeutig ist, greifen wir automatisch zu schnellen Faustregeln – wir vereinfachen die Geschichte unbewusst.
Das ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz, sondern ein normaler Mechanismus unter Zeitdruck. Gerade im Fußball spielen dann viele Eindrücke eine Rolle: Wer wirkt körperlich überlegen? Wer kommt mit mehr Tempo? Wer steht „dominanter“ im Raum? Aus diesen Puzzleteilen entsteht in unserem Kopf eine plausible Interpretation.
Und weil verschiedene Menschen unterschiedliche Details als entscheidend wahrnehmen, kann man dieselbe Szene verschieden bewerten – das ist der Grund, warum strittige Zweikämpfe so verlässlich für Diskussionen sorgen.
Sie haben sich in einer Studie (2010) mit der Frage beschäftigt, ob die Körpergröße eine Rolle spielt. Was ist die Grundidee – und was sollte man als WM-Zuschauer daraus mitnehmen?
Prof. Dr. Niels van Quaquebeke: Die Grundidee ist einfach: Viele Menschen verbinden „größer“ automatisch eher mit Stärke und Durchsetzungsvermögen. Das ist eine sehr naheliegende Assoziation – wir nutzen sie im Alltag oft ohne es zu merken.
Mein Kollege Steffen R. Giessner und ich haben uns damals gefragt: Könnte dieser psychologische Mechanismus auch im Fußball eine Rolle spielen, wenn ein Zweikampf unklar ist? In unseren Daten aus Profiwettbewerben sowie in Experimenten zeigte sich ein Muster: In mehrdeutigen Situationen wurde ein Foul etwas häufiger dem größeren Spieler zugeschrieben. Zusätzlich zeigten unsere Analysen: Je größer der Größenunterschied zwischen den beiden beteiligten Spielern, desto eher wurde das Foul dem größeren Spieler zugeschrieben.
Dabei ist mir die Einordnung wichtig: Die Studie ist von 2010 und nutzt Daten aus früheren Jahren – das ist keine Aussage darüber, wie genau bei der WM 2026 gepfiffen wird. Was aber zeitlos relevant ist: In schnellen, mehrdeutigen Szenen können unbewusste Eindrücke mitlaufen.
Für Zuschauende heißt das: Wenn man sich bei einer Szene sicher ist, lohnt sich manchmal der zweite Blick: „Bin ich gerade vom Eindruck ‚wuchtig = eher schuld‘ geleitet?“ Allein diese Reflexion macht die Debatte fairer.
Heute gibt es den VAR (Video Assistant Referee, also Video-Schiedsrichter). Löst Technik solche Probleme – oder bleiben Wahrnehmungsfallen trotzdem bestehen?
Prof. Dr. Niels van Quaquebeke: Der VAR verändert viel, weil er zusätzliche Kameraperspektiven und Zeit für die Überprüfung liefert. Das kann helfen, klare Fehlentscheidungen zu korrigieren.
Gleichzeitig sollte man nicht erwarten, dass Technik jede Kontroverse beendet. Erstens untersucht unsere Studie den VAR nicht – sie stammt aus einer Zeit vor der heutigen VAR-Praxis. Zweitens bleiben im Fußball auch mit Videobeweis Fragen, die nicht rein technisch sind: Wie intensiv war der Kontakt? War es ein normales Abstützen oder ein Stoßen? War der Fuß „wirklich“ zu spät? Viele Situationen haben eine Interpretationskomponente.
Psychologisch gesehen ändert sich gar nicht so viel: Auch beim Videobeweis schauen Menschen auf eine Szene und müssen sie deuten. Technik kann die Informationslage verbessern – aber sie ersetzt nicht komplett das menschliche Urteil. Für die WM gilt also: Diskutieren, ob etwas ein Foul war, gehört einfach mit zum Spiel.
Prof. Dr. Niels van Quaquebeke ist Psychologe und Professor für Leadership and Organizational Behavior an der Kühne Logistics University (KLU) in Hamburg sowie Distinguished Research Professor an der University of Exeter. Er forscht zu Führung, Zusammenarbeit und Kommunikation – und dazu, wie Künstliche Intelligenz Organisationen verändert.
How embodied cognitions affect judgments: height-related attribution bias in football foul calls. van Quaquebeke, Niels;Giessner, Steffen R, Journal of sport & exercise psychology, 01 Feb 2010, Vol. 32, Issue 1, pages 3 – 22, DOI: 10.1123/jsep.32.1.3
Über die KLU
Die Kühne Logistics University (KLU) ist eine führende private, staatlich anerkannte, internationale Hochschule mit Sitz in Hamburg sowie einem zweiten Campus in Saigon, Vietnam. Weitere Standorte in Afrika und Lateinamerika sind geplant. Als eine der weltweit besten fünf Prozent der Business Schools (AACSB-akkreditiert) bietet die KLU hochwertige Studienprogramme in englischer Sprache an – darunter Bachelor-, Master-, MBA-, PhD- und Executive-Education-Programme in den Bereichen Business und Management, Business Analytics and Data Science sowie insbesondere Logistik und Supply Chain Management. Gefördert von der Kühne-Stiftung befähigt die KLU zukünftige Führungskräfte, mit einem Operations Mindset zu denken und zu handeln – analytisch, datenbasiert und lösungsorientiert. Kleine Lerngruppen, forschungsstarke Professorinnen und Professoren sowie enge Verbindungen zur globalen Wirtschaft verbinden akademische Exzellenz mit praxisnahem Lernen, Entrepreneurship und Nachhaltigkeit und bereiten Studierende auf wirkungsvolle internationale Karrieren vor.
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Autorin: KLU / Tanja Marker; zusammengestellt von Gert Holle - 12.06.2026
