Mit dem Herzen sehen

Eine WortWeise von und mit Gert Holle zu dem Song "See with the Heart"

Kennen Sie das?

Das Smartphone meldet neue Nachrichten. Der Kalender ist voll. Termine, Aufgaben, Verpflichtungen. Wir planen unseren Tag, organisieren unser Leben und versuchen, möglichst alles im Griff zu behalten.

Aber wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal gefragt, wie es unserem Herzen geht?

Nicht dem Herzen, das Blut durch unseren Körper pumpt. Sondern dem Herzen, das fühlt, hofft, liebt und manchmal auch leidet.

Wir leben in einer Zeit, in der wir fast alles messen können: Schritte, Kalorien, Kontostände, Klickzahlen. Aber die Dinge, die unser Leben wirklich reich machen, lassen sich nicht in Zahlen ausdrücken. Vertrauen. Freundschaft. Mitgefühl. Hoffnung. Liebe.

Vielleicht hat Antoine de Saint-Exupéry deshalb recht, wenn er schreibt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Denn sehen ist mehr als schauen.

Wir können einen Menschen ansehen und ihn trotzdem nicht wirklich wahrnehmen. Wir können seine Fehler sehen, aber seine Geschichte übersehen. Seine Schwächen erkennen, aber seine Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe nicht bemerken.

Wie schnell urteilen wir manchmal. Ein Kommentar in den sozialen Medien. Eine Schlagzeile. Eine Begegnung im Alltag. Oft genügt ein kurzer Eindruck, und schon haben wir uns ein Bild gemacht.

Jesus zeigt einen anderen Weg.

Da ist diese Frau, die von anderen bereits verurteilt wurde. Die Ankläger stehen bereit. Die Steine liegen gedanklich schon in ihren Händen. Doch Jesus schaut tiefer. Er sieht nicht zuerst ihre Schuld. Er sieht den Menschen.

Mit einem einzigen Satz verändert er die Situation: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Plötzlich verstummen die Stimmen. Aus Anklägern werden Nachdenkliche. Aus Verurteilung wird Raum für einen Neuanfang.

Jesus sieht mit dem Herzen.

Und vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.

Mit dem Herzen sehen.

Nicht nur fragen: Was hat dieser Mensch getan?

Sondern auch: Was hat ihn geprägt?

Nicht nur fragen: Wo liegt seine Schuld?

Sondern auch: Wo trägt er Verletzungen?

Nicht nur fragen: Was trennt uns?

Sondern auch: Was verbindet uns?

Wer mit dem Herzen sieht, entdeckt hinter der Fassade den Menschen. Wer mit dem Herzen sieht, findet Wege, wo andere nur Grenzen erkennen. Wer mit dem Herzen sieht, wird friedfertiger, geduldiger und barmherziger.

Und vielleicht beginnt genau dort eine bessere Welt: Nicht in großen Programmen oder lauten Parolen, sondern in einem veränderten Blick auf den Menschen neben uns.

Auf den Kollegen.

Auf die Nachbarin.

Auf den Fremden.

Und manchmal sogar auf uns selbst.

Denn auch wir brauchen diesen liebevollen Blick. Auch wir sind mehr als unsere Fehler, mehr als unsere Niederlagen, mehr als das, was andere über uns denken.

Gott sieht uns mit dem Herzen.

Und er lädt uns ein, es ihm gleichzutun.

 

Gebet

Guter Gott,

schenke uns offene Augen und ein weites Herz.

Bewahre uns davor, vorschnell zu urteilen und Menschen auf ihre Fehler festzulegen.

Lass uns erkennen, was hinter den Fassaden verborgen ist.

Schenke uns Mitgefühl, wo andere hart werden.

Verständnis, wo andere verurteilen.

Hoffnung, wo andere aufgeben.

Und hilf uns, auch uns selbst mit den Augen Deiner Liebe zu sehen.

Amen.

 

Segen

So segne dich Gott,

der tiefer sieht als alle Menschen.

Er schenke dir Augen für das Gute,

ein Herz voller Mitgefühl

und den Mut, anderen mit Liebe zu begegnen.

Er begleite Sie auf Ihren Wegen,

heute und in der neuen Woche.

So segne und behüte Sie und dich

der barmherzige und menschenfreundliche Gott,

der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

 

 


Autor: Gert Holle - 23.06.2026