
28.02.2026
Von Gert Holle
(Nidda/gho) – Manchmal beginnen besondere Geschichten unspektakulär: mit einem Espresso und einer Kugel Stracciatella in unserer Lieblingseisdiele in Nidda.
Vor wenigen Tagen traf ich dort – als Begleitung unserer Frauen, die befreundet sind – auf Willy Wagner. Ein ruhiger, aufmerksamer Mann, freundlich, unprätentiös. Keiner, der den Raum betritt und Aufmerksamkeit einfordert. Hätte ich nicht zuvor einen Blick auf seine Vita geworfen, ich hätte kaum geahnt, wer da neben mir Platz genommen hatte.
Dabei liest sich sein Werdegang wie ein „Who is Who“ der deutschen Musikgeschichte.

Willy Wagner, 1965 in Frankfurt am Main geboren und dort aufgewachsen, begann bereits mit zwölf Jahren Bass zu spielen. 1987 stand er erstmals mit Rio Reiser auf der Bühne, ab 1989 war er festes Mitglied der Rio-Reiser-Band – bis zu dessen Tod 1996.
Es folgten Engagements mit Sabrina Setlur, Moses Pelham und Xavier Naidoo. Große Festivals wie Rock am Ring, ausgedehnte Tourneen, internationale Supports, Echo-Verleihungen – Wagner war mittendrin, musikalisch prägend, ohne im Vordergrund zu stehen.
Ab 2001 spielte er sämtliche Tourneen von Glashaus und wurde zu einem der tragenden Elemente ihres Sounds. 2003 begann seine enge Zusammenarbeit mit Edo Zanki – eine Partnerschaft, die über 16 Jahre hinweg Bestand hatte. Eine bemerkenswerte Konstante in einer schnelllebigen Branche.
Bis heute wirkt er im Rilke Projekt von Schönherz & Fleer mit – einem literarisch-musikalischen Format, das Poesie und Klangkunst verbindet.
Im Gespräch formulierte Wagner seine Rolle mit nüchterner Klarheit: Er habe nie die Hauptrolle gespielt. Aber im Grunde sei er immer ein sehr wichtiger Sidekick gewesen.
Dieser Satz beschreibt präzise, was professionelle Bandarbeit ausmacht. Der Bass ist selten spektakulär, aber essenziell. Er strukturiert Harmonie und Rhythmus, verbindet Schlagzeug und Melodie, gibt dem Song Tiefe und Richtung. Ohne dieses Fundament verliert selbst die stärkste Stimme an Boden.
Wagner ist kein Solist im Rampenlicht. Er ist der, der das Rampenlicht trägt.
Natürlich sprachen wir über Tourneen, Studioarbeit und die Veränderungen der Branche. Und schließlich über das Thema, das derzeit alle Kreativen beschäftigt: Künstliche Intelligenz.
Wie blickt ein Musiker, der sein Leben der handgemachten Musik gewidmet hat, auf diese Entwicklung?
Wagner zeigte sich dankbar für seine Karriere – für eine Zeit, in der Musik aus realen Begegnungen entstand: Bands, Studios, Produzenten, gemeinsames Arbeiten an Klang und Ausdruck. Heute wirke vieles beschleunigt, teilweise apokalyptisch. KI könne komponieren, arrangieren und produzieren – schneller und günstiger als je zuvor.
Und doch klang keine Verbitterung an. Sondern Zuversicht. Er glaubt an ein Publikum, das weiterhin Musik mit Seele schätzt. Musik mit Biografie. Musik, die gespielt – nicht nur generiert – wird.
Ich selbst sehe die Dynamik technologischer Umbrüche skeptischer. Gerade dieser respektvolle Dissens machte das Gespräch substanziell.
Was besonders beeindruckt: Trotz internationaler Tourneen und jahrzehntelanger Präsenz auf großen Bühnen lebt Willy Wagner seit über zwanzig Jahren in Schwickartshausen bei Nidda – seiner Wahlheimat. Kein Umzug in eine Metropole. Kein künstlich gepflegtes Rockstar-Image. Sondern Bodenhaftung. Von hier aus arbeitet er weiter – unter anderem mit internationalen Künstlern wie Andrew Strong oder Miller Anderson – und steht auch in diversen Tribute-Formationen auf der Bühne. Solide, ehrliche musikalische Arbeit. Keine Nostalgie, sondern Professionalität.
Rio Reiser - König von Deutschland (HD-remaster) - Live-Konzert 1990 in Stuttgart. Auch hier spielte Willy Wagner den Bass.
Erwähnt hat Wagner im Gespräch seine Online-Bassschule nicht. Erst durch Recherche stieß ich darauf. Ob er sie derzeit aktiv betreibt, weiß ich nicht. Doch gerade die Weitergabe von Erfahrung an die nächste Generation erscheint als logische Fortsetzung einer solchen Laufbahn. Vier Jahrzehnte Studio- und Bühnenpraxis sind kein Archiv – sondern ein Erfahrungsschatz.
„WIR IM NETZ – Wir in Oberhessen“ möchte Menschen sichtbar machen, die von hier aus Außergewöhnliches leisten.
Willy Wagner gehört zweifellos dazu. Ein Weltmusiker mit regionaler Verankerung. Kein Mann der großen Worte – sondern der tragenden Töne.
Und vielleicht begann diese Geschichte genau richtig: nicht im Backstagebereich eines Festivals – sondern bei einem Eis in Nidda.
Rilke Projekt - Einsamkeit ( mit Willy Wagner am Bass )
U.a. spielt und spielte er auch für :
Anne Haigis,
Jim Kahr (Ex John Lee Hooker) ,
Julia Neigel,
Tony Carey (Rainbow),
Kevin Coyne,
Sydney Youngblood,
Paul Young,
Richard Clayderman,
Rodgau Monotones,
The Busters,
Hubert Kah,
Kim Sanders ,
Pat Appelton,
Costa Cordales,
Gregor Meyle,
X Faktor TV Band,
Moses Pelham Band,
Marla Glen,
Joy Flemming,
Bobby Kimball,
Curtis Blow
Pe Werner,
Daniel Küblböck,
Wolfgang Niedecken,
Wolfgang Ambros,
Andreas Kümmert,
Auma Obama,
Fish (Marillion),
Staatstheater Wiesbaden (Tiger Lillies, Shockhaeded Peter),
Peter Freudenthaler (Foolsgarden),
Amelia Brightman
