Es ist Feierabend. Die Autos stauen sich vor einer Baustelle. Zwei Fahrspuren werden zu einer. Jeder möchte möglichst schnell nach Hause. Einer bremst, hält an und lässt einen anderen Wagen einfädeln. Der Fahrer wartet einen kurzen Moment auf das kleine Zeichen, das früher fast selbstverständlich war: ein kurzes Handheben, ein Nicken, ein Lächeln.
Nichts.
Der andere fährt einfach weiter.
Eine Kleinigkeit? Gewiss. Und doch bleibt etwas zurück. Nicht wegen der fehlenden Geste selbst. Sondern weil sie für etwas Größeres steht. Für die Frage, wie wir miteinander umgehen. Für die Frage, ob wir den anderen überhaupt noch wahrnehmen.
Vielleicht sind es gerade die kleinen Dinge, an denen sich der Zustand einer Gesellschaft zeigt.
Wir leben in einer Zeit, in der wir mit Menschen auf der ganzen Welt verbunden sind und uns doch oft fremder erscheinen als früher. Nachrichten erreichen uns in Sekunden. Kontakte entstehen mit einem Klick. Und dennoch beklagen viele eine zunehmende Distanz. Das Gefühl, dass Respekt, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit seltener geworden sind.
Doch stimmt das wirklich?
Oder fällt uns das Unfreundliche nur stärker auf als das Gute?
Der chinesische Philosoph Konfuzius soll gesagt haben: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Es ist ein Gedanke, der Jahrtausende überdauert hat. Nicht weil er kompliziert wäre, sondern weil er so einfach ist. Er erinnert daran, dass jede Begegnung zwei Seiten hat. Dass ich nicht nur Empfänger, sondern auch Sender bin.
Noch einen Schritt weiter ging der Philosoph Martin Buber. Für ihn entscheidet sich Menschlichkeit daran, ob wir dem anderen als Person begegnen oder ihn nur als Hindernis, Funktion oder Mittel zum Zweck betrachten. Sein berühmtes „Ich und Du“ beschreibt eine Welt, in der Menschen einander wirklich ansehen, wirklich zuhören und wirklich begegnen.
Vielleicht liegt genau hier ein Teil unseres Problems.
Wenn der andere nur noch der Autofahrer vor mir ist, der Kunde vor mir, der Kollege neben mir oder die Person mit einer anderen Meinung, dann verlieren wir leicht den Blick für den Menschen dahinter.
Doch jeder Mensch trägt seine Geschichte mit sich.
Jeder kämpft Kämpfe, die wir nicht kennen.
Jeder trägt Sorgen, von denen wir nichts wissen.
Das entschuldigt nicht jedes Verhalten. Aber es macht verständlicher, warum Menschen manchmal anders reagieren, als wir es erwarten.
Der römische Philosoph Seneca empfahl Gelassenheit nicht deshalb, weil ihm alles gleichgültig gewesen wäre. Im Gegenteil. Er wusste, dass wir nicht kontrollieren können, wie andere handeln. Aber wir können entscheiden, wie wir selbst reagieren.
Vielleicht beginnt Freundlichkeit genau dort.
Nicht erst dann, wenn andere freundlich sind.
Nicht erst dann, wenn wir ein Dankeschön bekommen.
Nicht erst dann, wenn die Welt es verdient.
Sondern genau in dem Moment, in dem wir versucht sind, uns über andere zu ärgern.
Vielleicht ist Freundlichkeit keine Reaktion.
Vielleicht ist sie eine Entscheidung.
Eine Entscheidung, die manchmal überraschende Kreise zieht. Ein Lächeln hier. Ein gutes Wort dort. Ein Moment des Verständnisses. Und irgendwo wird ein Tag ein wenig heller, ohne dass wir es jemals erfahren.
Die Welt verändert sich selten durch große Gesten.
Oft verändert sie sich durch Menschen, die sich weigern, ihre Menschlichkeit zu verlieren.
Gebet
Guter Gott,
du hast uns nicht geschaffen, um gegeneinander zu leben, sondern miteinander.
Schenke uns offene Augen für die Menschen um uns herum.
Bewahre uns davor, vorschnell zu urteilen.
Lass uns erkennen, dass hinter jedem Gesicht eine Geschichte steht und hinter jedem Menschen ein Herz schlägt.
Gib uns die Kraft, freundlich zu bleiben, wenn Unfreundlichkeit uns
begegnet.
Geduldig zu bleiben, wenn wir uns ärgern.
Verständnis zu zeigen, wenn wir lieber urteilen würden.
Lass uns selbst zu Menschen werden, die Hoffnung schenken, Brücken bauen und Frieden stiften.
Und wo wir anderen ein Lächeln schenken können, hilf uns, es nicht zurückzuhalten.
Amen.
Segen
Der Herr segne deine Gedanken,
damit sie von Wohlwollen geprägt sind.
Der Herr segne deine Worte,
damit sie Trost, Mut und Hoffnung schenken.
Der Herr segne deine Begegnungen,
damit aus Fremden Mitmenschen werden.
Und der Herr segne dein Herz,
damit es freundlich bleibt –
auch dann, wenn die Welt es nicht immer ist.
So begleite dich Gottes Liebe,
heute, morgen und an allen Tagen.
Amen.
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