Aus Musik wird Gemeinschaft

Schweizer Erfolgsprojekt „Radio ü65“ könnte Vorbild für Seniorenradio in der Wetterau werden

(Nidda-Ulfa / St. Gallen/win) - Was haben ein Lieblingslied, ein persönlicher Gruß und ein gemeinsames Lächeln gemeinsam? Sie können Erinnerungen wecken, Menschen miteinander verbinden und Lebensfreude schenken. Genau auf dieser Idee basiert das innovative Schweizer Projekt „Radio ü65“, das derzeit für Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des Kantons St. Gallen hinaus sorgt.

Der Herausgeber und leitende Redakteur des Online-Portals WIR IM NETZ – Kultur und Glaube Aktuell, Gert Holle aus Nidda-Ulfa, hat sich in einem ausführlichen Podcast-Gespräch mit dem Initiator des Projekts, dem Schweizer Kommunikationsberater, Autor, Moderator und Kolumnisten Stefan Häseli, über Idee, Erfahrungen und Zukunftsperspektiven des besonderen Seniorenradios unterhalten.

 

Entstanden ist ein ebenso informatives wie inspirierendes Gespräch über die Kraft der Musik, über Gemeinschaft im Alter und über die Frage, wie moderne Medien dazu beitragen können, Einsamkeit zu überwinden und soziale Teilhabe zu fördern.

Stefan Häseli moderiert und sein Publikum ist begeistert dabei. Foto: Radio ü65
Stefan Häseli moderiert und sein Publikum ist begeistert dabei. Foto: Radio ü65

 

 

Radio dort, wo die Menschen leben

Das Besondere an „Radio ü65“: Die Sendungen entstehen nicht in einem klassischen Radiostudio, sondern direkt in Alters- und Pflegeeinrichtungen. Bewohnerinnen und Bewohner können Musikwünsche äußern, persönliche Grüße übermitteln, an kleinen Quizrunden teilnehmen oder einfach die besondere Atmosphäre einer Live-Sendung genießen.

Dabei bleibt es nicht beim Zuhören. Viele Gäste singen mit, schunkeln zu vertrauten Melodien oder erzählen Geschichten aus ihrem Leben. Musik wird zum Türöffner für Erinnerungen, Begegnungen und Gespräche.

„Die Menschen werden nicht nur unterhalten, sondern aktiv beteiligt“, sagt Gert Holle. „Gerade darin liegt eine große Stärke des Projekts. Es schafft Gemeinschaft und gibt älteren Menschen eine Stimme.“

 

Musik als Schlüssel zu Erinnerungen

Im Podcast schildert Stefan Häseli eindrucksvoll, wie stark Musik Erinnerungen wachrufen kann. Oft genügt ein Lied, um Bilder aus Kindheit, Jugend oder Familienleben wieder lebendig werden zu lassen.

Gleichzeitig entsteht eine Verbindung zwischen Generationen. Angehörige, Pflegekräfte, Ehrenamtliche und Bewohner erleben die Sendungen gemeinsam. Es wird gelacht, erzählt, erinnert und manchmal sogar getanzt.

Für Holle zeigt sich darin eine gesellschaftliche Chance:

„Wir sprechen häufig über Einsamkeit im Alter und darüber, wie Gemeinschaft gestärkt werden kann. Radio ü65 zeigt auf beeindruckende Weise, wie mit überschaubaren Mitteln Nähe und Begegnung entstehen können.“

 

Könnte ein solches Projekt auch in Deutschland funktionieren?

Eine der spannendsten Fragen des Podcasts lautete deshalb: Wäre ein Seniorenradio nach diesem Vorbild auch in Deutschland denkbar?

Die Voraussetzungen wären vielerorts vorhanden. Allein in der Wetterau gibt es zahlreiche Seniorenresidenzen, Pflegeheime, betreute Wohnanlagen und Begegnungsstätten für ältere Menschen. Hinzu kommen engagierte Vereine, Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbände und kulturelle Initiativen.

„Ich sehe durchaus Potenzial für ein solches Angebot“, sagt Holle. „Voraussetzung wäre allerdings, dass sich Menschen finden, die die Idee mit Begeisterung tragen, Einrichtungen offen dafür sind und lokale Entscheidungsträger den gesellschaftlichen Wert erkennen.“

 

Unterstützung aus Politik und Gesellschaft

In der Schweiz wird das Projekt durch öffentliche Förderung, Sponsoren und Partner unterstützt. Auch in Deutschland könnten Kommunen, Landkreise, Stiftungen, Serviceclubs, Unternehmen und soziale Träger wichtige Partner sein.

Nicht zuletzt könnten die Einrichtungen selbst profitieren. Denn die Sendungen schaffen besondere Erlebnisse, fördern das Gemeinschaftsgefühl und bringen Abwechslung in den Alltag vieler Bewohnerinnen und Bewohner.

„Wer erlebt hat, wie Menschen bei vertrauten Melodien aufblühen, miteinander ins Gespräch kommen und neue Lebensfreude entwickeln, erkennt schnell den Wert solcher Angebote“, so Holle.

 

Erfahrungen werden gerne weitergegeben

Besonders erfreulich für mögliche Interessenten in Deutschland: Stefan Häseli betont im Podcast ausdrücklich seine Bereitschaft, die bislang gesammelten Erfahrungen weiterzugeben und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die ähnliche Projekte aufbauen möchten.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass ein Seniorenradio nicht zwingend große Rundfunkstrukturen benötigt. Viel wichtiger seien Engagement, Kreativität, organisatorisches Geschick und die Bereitschaft, ältere Menschen aktiv einzubeziehen.

„Niemand muss das Rad neu erfinden“, sagt Häseli. „Wir teilen gerne unsere Erfahrungen und stehen für einen Austausch zur Verfügung.“

 

Mehr als nur ein Radioprojekt

Das Gespräch macht deutlich, dass „Radio ü65“ weit mehr ist als ein Musikprogramm für ältere Menschen. Es ist ein Projekt für Begegnung, Wertschätzung und gesellschaftliche Teilhabe.

Vielleicht liegt gerade darin seine größte Stärke: Es erinnert daran, dass Lebensfreude, Gemeinschaft und kulturelle Teilhabe keine Frage des Alters sind.

 

Der Podcast „Radio ü65 – Wenn Musik Erinnerungen weckt und Menschen verbindet“ ist auf dem Online-Portal WIR IM NETZ – Kultur und Glaube Aktuell in der Rubrik Kultur abrufbar.

Podcast auf WIR IM NETZ – Kultur und Glaube Aktuell

 

 

Vielleicht beginnt die Geschichte eines deutschen „Radio ü65“ gerade jetzt – mit einer Idee, einem Gespräch und Menschen, die bereit sind, neue Wege für mehr Lebensfreude im Alter zu gehen.


Autor: Gert Holle - 9.06.2026