Selbst denken?

Eine Besinnung zu „Selbst denken (Ballade aus dem Pfarrhaus)“ – von und mit Gert Holle

Unten am Pfarrhaus hängt ein Banner.
Darauf steht in großen Lettern: „Selbst denken!“
Ein Satz, der auffällt – und der seltsam doppeldeutig klingt.
Denn kann man das gebieten?
Kann man jemandem zurufen: „Jetzt denk gefälligst selbst!“?

Schon die Ironie des Imperativs verrät etwas:
Wer Denken befiehlt, hat es womöglich selbst schon eingestellt.

Denken – das ist nichts, was man befehlen oder verordnen kann.
Es ist etwas, das wächst, das aufbricht,
wenn ein Mensch sich traut, sich selbst ernst zu nehmen –
mit seinen Fragen, Zweifeln, Hoffnungen, seinem Mut.

Der christliche Glaube kennt diese Freiheit.
Er lebt davon, dass Gott uns Menschen nicht zu Maschinen gemacht hat,
sondern zu Mitdenkenden, Mitfühlenden, Mitverantwortlichen.
Schon Paulus schreibt:
„Prüft alles, und das Gute behaltet!“ (1. Thess 5,21) –
nicht: „Glaubt alles, was man euch sagt.“

Und Augustinus, der alte Denker aus Afrika, sagte einmal:

„Glaube, damit du verstehst – und verstehe, damit du glauben kannst.“
Das ist kein Widerspruch, sondern ein Tanz zwischen Herz und Verstand.

„Selbst denken!“ – das klingt, als müsste man die Leute erst daran erinnern.
Vielleicht ja auch.
Aber wirklicher Glaube entsteht nicht auf Bannern,
sondern in stillen Momenten,
wenn ein Mensch ehrlich fragt,
zweifelt, ringt – und trotzdem weiter vertraut.

Der Reformator Johannes Pistorius, der auf dem Banner abgebildet ist,
hätte das vermutlich verstanden.
Er war keiner der Lauten, keiner der Eiferer.
Er blieb – wie viele echte Denker – ein Liebender im Zweifel.
Und vielleicht ist das die eigentliche Reformation, die nie aufhört:
dass Menschen sich trauen, mit Kopf und Herz zu glauben.



 

🙏 Gebet

Gott,
du hast uns Verstand gegeben –
nicht, um ihn abzuschalten,
sondern um ihn zu gebrauchen.
Bewahre uns vor Gedankenlosigkeit
und vor der Überheblichkeit,
anderen das Denken abnehmen zu wollen.

Lehre uns, ehrlich zu fragen,
geduldig zu hören,
und mutig zu widersprechen,
wo Unrecht im frommen Gewand daherkommt.
Lass unser Denken zu einem Raum werden,
in dem dein Geist weht – frei, lebendig und wahr.

Amen.


Segen

Der Gott, der dich geschaffen hat,
segne dein Herz mit Mut
und deinen Verstand mit Klarheit.
Er lasse dich frei denken –
und zugleich geborgen sein
in seiner Liebe, die größer ist
als alle Gedanken.

So segne dich Gott,
Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen.

 

 

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Autor: Gert Holle - 11.11.2025