Präsident des Zentralrats der Jugend spricht in Trier: „Vital und selbstbewusst, aber bedroht“

Dr. Josef Schuster. Foto:  © Christine Cüppers/Paulinus Wochenzeitung
Dr. Josef Schuster. Foto: © Christine Cüppers/Paulinus Wochenzeitung

15.05.2026

 

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnte in Trier vor wachsendem Antisemitismus und rief besonders die Zivilgesellschaft zum Handeln auf.

 

Von Christine Cüppers

 

(Trier/cc/bt) - Wie sieht jüdisches Leben heute in Deutschland und auch in Trier aus? Diese Frage hat Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, am 2. Juni in der Trierer Markt- und Bürgerkirche St. Gangolf beantwortet. Zudem hat er Anregungen gegeben, wie wachsendem Antisemitismus zu begegnen ist. Schuster sprach auf Einladung des Kuratoriums der Markt- und Bürgerkirche und der Konrad-Adenauer-Stiftung über „Jüdisches Leben in Deutschland“. Das sei „vielfältig, vital und selbstbewusst, aber bedroht“. Eine Aussage, die nicht zuletzt durch das Sicherheits- und Polizeiaufgebot aus Rheinland-Pfalz und Bayern (die dortige Polizei ist für den in Würzburg lebenden Schuster zuständig) sichtbar wurde. Antisemitismus sei in Deutschland „nie weg gewesen“. Seit dem 7. Oktober 2023 aber „tritt er nicht mehr heimlich auf, sondern trägt sein Haupt hoch erhoben“, betonte der Präsident des 1950 gegründeten Zentralrats.  

 

Aktuell zeige eine Ausstellung in Braunschweig, dass jüdisches Leben viel mehr sei als jüdisches Leiden, beschreibe nicht allein den Platz der Opfer und der Vergangenheit, sondern zeige das Leben lebendig und sichtbar in der Gegenwart. Das aber werde zunehmend eingeschränkt durch den seit 2023 rapide angestiegenen Antisemitismus. Dieser sei ein „Seismograph für die Gesellschaft“ und veranlasse zu größter Sorge. „Schließlich geht es um die Verteidigung unserer demokratischen Werte, um den Erhalt unserer offenen Gesellschaft.“ So dankbar er für alle Maßnahmen zum Schutz jüdischer Menschen und Einrichtungen sei – es sei unhaltbar, dass der Staat auf den offenen Judenhass fast nur mit Schutzmaßnahmen reagiere, statt sich den Ursachen zu widmen und ihm mit rechtsstaatlichen Mitteln zu begegnen. Bei der Justiz sehe er Versäumnisse. 

Vor allem komme es aber auf die Zivilgesellschaft an. Darin waren sich alle Teilnehmenden der anschließenden Diskussion einig. Mit Schuster blickten Junior-Prof. Dr. Andreas Lehnertz vom Ayre Maimon-Institut für Geschichte der Juden an der Uni Trier und Dr. Dennis Halft (Theologische Fakultät Trier und Emil-Frank-Institut) in der von Dr. Inge Kreutz, Mitglied der Chefredaktion des Trierischen Volksfreunds, moderierten Runde auf Herausforderungen und Grenzen im Umgang mit den Zeichen der Zeit. Dabei wurden politische, religiöse und moralische Bildung als besonders wichtig benannt. Kritik an der Regierung Israels sei legitim, werde ja auch im Land geübt, betonte der 72-jährige Schuster. Mit Antisemitismus habe sie aber nichts zu tun. Abzulehnen und zu bekämpfen seien „jegliche Erscheinungen von Dämonisierung, Doppelstandard, Delegitimierung“. Auch in Richtung Politik hatte er einen Rat: weniger öffentlich zu streiten, sondern sich auf die Sache zu konzentrieren und Wähler vom rechten Rand zurückzugewinnen. Jede und jeder einzelne solle im eigenen Umfeld aufmerksam sein und Antisemitismus den Spiegel vorhalten. Und: „Reden Sie mit Jüdinnen und Juden“, gaben die Teilnehmenden den Gästen als konkrete Handlungsvorschläge mit auf die Wege.