Reportage aus dem Bischöflichen Ordinariat Würzburg

Das Christkind aus Himmelstadt

© Christina Denk (POW) | Rosemarie Schotte vor der dekorierten Ecke in der Weihnachtspostfiliale. Sie leitet das Weihnachtspostamt bereits seit 1994.
© Christina Denk (POW) | Rosemarie Schotte vor der dekorierten Ecke in der Weihnachtspostfiliale. Sie leitet das Weihnachtspostamt bereits seit 1994.

6.12.2023

 

Besuch in der Weihnachtspostfiliale Himmelstadt – Seit über 30 Jahren schickt Rosemarie Schotte Briefe vom Christkind an Kinder und Erwachsene in der ganzen Welt

(Himmelstadt/POW) - Rosemarie Schotte steht vor einem Turm aus gelben Postkisten. Ein Blick in die Behälter verrät ihr: Für heute sind ihre ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer fertig mit dem Sortieren. Bündelweise Briefe reihen sich in den Kisten aneinander. Manche sind mit gezeichneten Sternen und Christbäumen verziert. Schotte blickt in die Runde der acht Helfenden. „Das muss bis zum 11. Dezember beantwortet werden. Da kommen die neuen Stempel“, sagt sie. Schotte könnte eine Postmitarbeiterin sein. Und in gewisser Weise ist sie das wohl auch. Doch für zehntausende Kinder auf der ganzen Welt ist sie noch mehr: Für sie ist sie das Christkind. Seit knapp 30 Jahren leitet die 83-Jährige ehrenamtlich die Weihnachtspostfiliale in Himmelstadt und beantwortet mit ihren insgesamt etwa 40 ebenfalls ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern bis zu 80.000 Wunschzettel und Weihnachtsbriefe jährlich.

Seit dem 6. November hat der Betrieb in den Räumen der Weihnachtspostfiliale im Erdgeschoss des Rathauses am Kirchplatz 3 in Himmelstadt wieder begonnen. Regelmäßig holt Schottes Ehemann seitdem die Weihnachtsbriefe bei der Post ab und öffnet sie. Anschließend werden die Zeichnungen, Wunschzettel und Texte von den Helferinnen und Helfern sortiert. „Wir haben verschiedene Kriterien“, erzählt Schotte. Viele der Kisten auf dem Tisch tragen beispielsweise die Beschriftung „Standard“. Diese Kinder erhalten den Brief des Christkinds auf Deutsch, den die Leiterin jedes Jahr neu verfasst. Die Weihnachtspost wird von den Ehrenamtlichen handschriftlich mit den Namen und der Adresse der Schreiber versehen. Wurden Fragen gestellt, ist unter dem Brief noch ein wenig Platz für eine persönliche Antwort, „etwa zwei bis drei Sätze“, sagt Schotte. Zusätzlich kommen kleine Geschenke in die Umschläge – Postkarten für die Kinder und Knobeleien für die Erwachsenen.

 

In der Weihnachtspostfiliale beugt sich Schotte gerade mit einer Ehrenamtlichen über einen Brief, der normalerweise in der Standardkiste landen würde. In goldener Schreibschrift trägt er die Anrede „Liebes Christkind“. „Der ist schwierig“, erklärt die Ehrenamtliche. Das Kind, eines von drei Geschwisterkindern, habe vergessen, den Namen unter seinen Wunschzettel zu setzen. Sie überlegt, nur „liebes Kind“ zu schreiben. Doch kann sie dann bei den Geschwistern den vollen Namen verwenden? Bei einem anderen Brief sei die Adresse schwer zu entziffern. Das kommt immer wieder vor. Um Fehler beim Übertragen der Anschrift zu vermeiden, empfiehlt Schotte der Ehrenamtlichen: Adresse ausschneiden und aufkleben. Jedes Jahr ermahnt die Leiterin die Kinder und Erwachsenen bei der Ankündigung der Weihnachtspost-Aktion, Vorname, Nachname, Adresse und Stadt leserlich auf die Briefe zu schreiben. Die Zeit, komplette Anschriften und Nachnamen nachzurecherchieren, hätten die Ehrenamtlichen oft nicht. „Das ist immer schade. Dann sind die Kinder traurig, dass sie keine Post bekommen haben“, sagt Schotte. Für den Brief mit der goldenen Anrede will sie probieren, den dritten Namen zu erfahren. „Ich versuche, ob die eine Telefonnummer haben, und dann rufe ich an“, sagt sie und legt das Papier in eine gelbe Box, auf der die Bezeichnung „Besondere/Schotte“ steht.

Die Kiste „Schotte“ steht ebenfalls jeden Tag mit auf dem Tisch. Darin landen jährlich etwa 400 Briefe, um die sich die langjährige Leiterin persönlich kümmert. Kinder und Erwachsene schreiben darin über gestorbene Familienmitglieder oder Haustiere und bitten das Christkind, sie im Himmel zu grüßen. Auch Streit und Krankheiten werden thematisiert. Vor allem die Erzählungen über kranke Kinder, „die dann so leiden“, gingen ihr nahe, erzählt Schotte. Wenn sie abends die Briefe öffnet und beantwortet, flössen da auch viele Tränen. Ebenfalls in der Kiste „Schotte“ landet in diesem Jahr Post aus der Ukraine und Russland. Angesichts der angespannten Lage um den Ukraine-Krieg gibt die 83-Jährige besonders Acht, wie geantwortet wird – meist mit einem englischsprachigen Brief des Christkinds. Es sind nicht die einzigen Sendungen aus dem Ausland. Eine ganze Kiste mit dem gleichnamigen Titel steht in der Weihnachtspostfiliale bereit. Hier landen unter anderem Grüße aus ganz Europa, Taiwan und China.

Noch kommen die Helferinnen, Helfer und Schotte nur an ausgewählten Tagen in der Woche in die Räume am Kirchplatz 3. Die Zahl der bislang angekommenen Wunschzettel und Zeichnungen liegt bei knapp 5000. Bis Weihnachten dürften es wieder über 70.000 werden. Eine Seite des Raums, in dem sortiert wird, ist bereits mit Zwergen und geschmückten Tannenbäumen dekoriert. Unter einem Baldachin sitzt das Christkind auf seinem Stuhl, eine Puppe im weißen Kleid. Hier werden ab dem offiziellen Startschuss wieder Eltern Fotos von ihren Kindern zwischen den Weihnachtswichteln machen. Denn wenn die Leiterin am ersten Advent in der Weihnachtspostfiliale offiziell den ersten Stempel auf einen der Christkind-Briefe setzt, geht es endgültig los. Die bislang fertiggestellte Post wird versendet und die Ehrenamtlichen sind wieder an allen Wochentagen mit Sortieren und Antworten beschäftigt. Schotte, die im Jahr etwa 600 Stunden in ihr Ehrenamt investiert, ist sogar an den Adventswochenenden vor Ort. „Da macht jeder so viel wie er kann“, sagt sie.

Bis auf den zweiten Advent, den sie für sich und ihren Mann freigeplant hat, steckt die 83-Jährige jede freie Minute in die Arbeit in der Weihnachtspostfiliale. Zwei Mal sei sie bereits über der Weihnachtspost eingeschlafen. Beinahe wie vor 30 Jahren, als die Zahl der Briefe noch bei 25.000 lag, Schotte das erste Mal bei der Aktion mithalf und die Nächte durchschrieb. „Ich war begeistert“, erinnert sie sich. Die Atmosphäre und die Erzählungen der Kinder hätten sie an ihr eigenes Weihnachtsfest in der Jugend erinnert. 1994, nur ein Jahr später, übernahm sie die Leitung der Weihnachtspostfiliale. Und noch heute freut sich Schotte, wenn sie die Mühe der Kinder hinter einigen Briefen erkennt. Sie mag es, die Erzählungen von singenden Familien, Gottesdiensten und Vorfreude zu lesen. Sie sagt: „Die Begeisterung von 1993, die hat angehalten, bis heute.“

 

 

Briefe an das Christkind können noch bis zum 18. Dezember eingesendet werden. Schulen, Kindergärten, Vereine und Weihnachtsmärkte sollten die Post bis spätestens 16. Dezember absenden. Weitere Informationen unter www.weihnachtserlebnisse.de.


Autorin: Christina Denk (POW); zusammengestellt von Gert Holle