Christus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt. 11,28)

9. Juni - 15. Juni 2024

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Die Andacht zum Wochenspruch – von Manfred Günther in den 90er Jahren verfasst – gelesen von Gert Holle

 

Wochenspruch zur Woche nach dem 2. Sonntag nach dem Trinitatisfest:

Christus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt. 11,28)

 

Wir geben das natürlich nur ungern zu, dass wir »mühselig und beladen« sind! Manchmal meint man: Je mehr die Menschen heute unter Depressionen leiden, je mehr die seelischen Krankheiten um sich greifen, umso stärker versuchen wir auch zu verschleiern, wie uns wirklich zumute ist. Das heißt, »umso stärker« ist eigentlich ein falscher Ausdruck. Wir bekommen ja nicht wirklich mehr Kraft, um unsere Probleme und Schwierigkeiten, unsere Ängste und Krankheiten zu verbergen. Das kostet vielmehr furchtbar viel Energie! Das kann uns an den Rand des psychischen Bankrotts führen, wenn wir immer und immer wieder so tun müssen, als ginge es uns blendend. »Müssen« wir so tun?

Die Welt, in der wir leben, macht es uns oft arg schwer, auch zu unseren Lasten und unserer Mühsal zu stehen. Irgendwie darf das ja gar nicht sein, dass wir in der Arbeitswelt oder in der modernen Gesellschaft nicht mitkommen. Man stelle sich vor, einer sagt seinem Chef am Arbeitsplatz: »Wissen Sie, Herr Meier, ich habe in letzter Zeit schreckliche Not mit der Aufgabe, die ich hier erfüllen soll. Ich frage mich nach dem Sinn. Ich wache manchmal in der Nacht schweißgebadet auf und denke bei mir, ob dies das Leben sein soll.« Was würde Herr Meier wohl entgegnen? Vor allem: Wie würde er reagieren?

 

Oder schauen wir auf die Werbung in Zeitschriften und im Fernsehen: Was sind das doch für herrlich junge, dynamische Menschen, die da Whisky trinken, Zigaretten rauchen und diesen sagenhaft schmackigen Keksriegel essen! Da kommen wir doch gar nicht mit, mit unserem Dutzendgesicht, der Neigung zum Bauchansatz und der beginnenden Glatzenbildung am Hinterkopf. Und wer spricht davon, wie viele mit Alkohol ihre Sorgen ertränken, mit Rauchen nur einer belastenden Sucht frönen und mit Essen die Sinnlosigkeit betäuben wollen? Wer wird es hinausschreien: »Ich kann nicht mehr! Ich habe nicht mehr die Kraft, einen Menschen zu spielen, der ich nicht bin! Helft mir doch!« Wer wird das können?

 

Ja, die gesellschaftlichen Verhältnisse machen es uns schwer, echt zu sein und offen unsere Sorgen anzusprechen und zu unseren Nöten zu stehen. Leichter scheint es, die Rollen zu übernehmen, die uns zugewiesen werden, die Masken vors Gesicht zu ziehen, die man uns verpasst, zu lachen, wo wir heulen möchten...

 

Aber warum suchen wir dann doch die Hilfe in dieser Gesellschaft? Warum erwarten wir von den Dingen dieser Welt, dass sie uns die Lasten erleichtern? Wie soll uns denn helfen, wenn wir jetzt das größere, schnellere Auto fahren? Wo soll Sinn für unser Leben aus dem höheren Gehalt kommen? Hoffen wir auf das Ende unserer Schwierigkeiten, wenn wir uns mehr Luxus leisten? Wird es denn unsere Position im Beruf machen? Können wir uns Sinn und Lebensfreude kaufen? - Keiner wird jetzt sagen: Doch, die berufliche Stellung bringt den Lebenssinn. Keiner glaubt das ernsthaft: Geld macht glücklich und nimmt die Angst. Und dennoch gilt diesen Dingen meist unser Streben. - »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.« Wie tut das doch gut, einmal bekennen zu dürfen: Ja, ich bin sehr belastet mit vielen Problemen! Ich kann oft nicht schlafen, weil ich mich so ängstige und die Sorgen ums Morgen mich so gefangen halten. Ich bin manchmal völlig niedergeschlagen, nicht nur momentan, sondern oft tagelang und so, dass es all mein Handeln und Denken lähmt. »Kommt her zu mir alle...« Ihm dürfen wir so kommen, wie wir wirklich sind. Ihm müssen wir nichts vorspielen. Die Maske kann ihn nicht täuschen, warum sollte sie auch? Er kann uns helfen. Er wird uns helfen. Unser Gebet zu ihm kann der Anfang sein. Gewiss, die Welt, in der wir leben, wird dadurch nicht gleich eine andere. Die Gesellschaft bleibt zunächst, wie sie ist. Aber wir schließen uns - wenn wir zu ihm gehen - an eine Kraftquelle an, die uns vieles leichter tragen lässt, die uns Sinn und echte Freude schenken will und die uns vielleicht sogar heilen kann!

Sagen Sie ihm doch, wie »mühselig und beladen« Sie sind. Nennen Sie ihm Ihre Sorgen und ihre Ängste, alles, was Sie beschäftigt. Und erwarten Sie auch wirklich von ihm, dass er sie hört und ihnen hilft.

Er hat es versprochen: »Ich will euch erquicken!«